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Politik in der Türkei
Vom Militärputsch 1980 bis zum Ende der Anap-Ära
Am 24. Januar 1980 veröffentlichte der damalige
Staatspräsident Demirel das Maßnahmepaket zur Wirtschaftsstärkung: Der
Staat sollte sich aus der Wirtschaft zurückziehen und die Kompetenzen
sollten stark eingeschränkt werden.
Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage kam es zu
rechtsextremen Anschlägen. Da die rechtsextremen Gruppen von Demirel
toleriert wurden, gelang es ihnen einige Gegenden völlig der politischen
Macht zu entziehen (besonders in Mittelanatolien). Im Gegensatz hierzu
dominierten die linksextremen Gruppen besonders in der Nordtürkei.
Aufgrund dieser Lage übernahm das Militär zum dritten
Mal die Macht. Aus diesem Grund wurden alle Personen, Organisationen und
Parteien verboten. Es wurden viele Personen verhaftet, die terroristische
Anschläge, Verbreitung separatistischer Propaganda oder Delikte des
Klassenkämpfertums begangen hatten oder mit diesem in Zusammenhang
standen.
Am 17. November 1981 fanden wieder Wahlen statt.
Aufgrund dieser Wahlen wurde es Zivilisten möglich aktiv in der Regierung
teilzunehmen.
Das Parteiensystem
Das Parteiensystem der Türkei ist ein
Mehrparteiensystem. Die folgenden momentanen Parteien sind nach den Wahlen
von 1981 aus den 2 Staatsparteien wiederentstanden:
|
Parteiname |
Zuordnung, Vertreter |
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Partei des rechten Weges |
konservativ-liberal, Süleyman Demirel |
|
Wohlfahrtspartei |
islamistisch, Necmettin Erbakan |
|
Sozialdemokratische Volkspartei |
linke Mitte |
|
Partei der demokratischen Linken |
links, Bülent Ecevit |
|
Nationalistische Arbeiterpartei |
nationalistisch, Alparslan Türkes |
Einzig die „Mutterlandspartei" unter Turgut
Özal bestand bereits vor den Wahlen 1981. In dieser Partei haben sich
nach dem Militärcoup die parteilosen Politiker vereint, ohne gleiche
Programme oder Weltanschauungen zu haben, so dass der Fortbestand dieser
Partei stark vom Erfolg Özals abhängig ist.
Bei den Wahlen soll eine 10%-Klausel verhindern, dass
die kleinen, meist extremistischen Parteien trotz weniger Sitze eine
großen Einfluss auf die Koalitationsbildung haben. Dies hat jedoch eine
ideologische und politische Polarisierung zur Folge, die die Regierungs-
und Parlamentsarbeit blockiert.
zurück:
Das Regierungssystem
Der Präsident vereint den Staat und die
Macht in sich,
sowohl symbolisch als auch tatsächlich. Mit einem Eid auf die nationalen
Grundsätze tritt er sein Amt an, das auch legislative und exekutive
Gewalt beinhaltet.
So kann er zum Beispiel ein Veto gegen Gesetze, die das
Parlament verabschiedet hat einlegen, Verfassungsänderungen durch das
Parlament einem allgemeinen Referendum vorlegen und durch Anrufen des
Verfassungsgerichtes die Verfassungsmäßigkeit der parlamentarischen
Gesetzgebung, der Verordnungen der Regierung sowie der Bestimmungen der
Geschäftsordnungen des Parlaments überprüfen lassen.
Außerdem hat er das Recht, Neuwahlen anzusetzen, er
ernennt den Ministerpräsidenten und beruft den Ministerrat und den Nationalen
Sicherheitsrat ein.
Die Staatsform
Der größte Unterschied zur deutschen Staatsform liegt
vor allem im starken Einfluss der Religion auf die Regierung, zum anderen
am Eingriffsrecht des Militär.
zurück:
Wichtige
politische Ereignisse der letzten Jahre
·
Im
Januar 1998 wurde die islamistische Wohlfahrtspartei (RP) von Erbakan
verboten, nachdem er im Juni 1997 zum Rücktritt als Ministerpräsident
gezwungen worden war. Da die führenden Politiker der RP diese Entwicklung
vorausgesehen hatten, gründeten sie damals schon eine neue Partei
(Tugendpartei).
·
Bis
zur Verhaftung von Abdullah Öcalan (PKK-Chef) bestand die türkische
Politik im wesentlichen aus ermüdenden Wechselspielen instabiler
Regierungskoalitionen, die sich in immer kürzerer Abfolge ablösten, in
der Regel begleitet von Korruptionsvorwürfen.
·
Im
Januar 1999 hatte Bülent Ecevit nach einer wochenlangen Regierungskrise
das Amt des Ministerpräsidenten von Mesut Yilmaz übernommen. Ecevit
sollte bis zu den vorgezogenen Parlaments- und Kommunalwahlen am 18.4.1999
die Regierungsgeschäfte verwalten.
Nachdem
aber in dieser Zeit Öcalan verhaftet worden war, gewann die
„Demokratische Sozialistische Partei“ (DSP) unter Ecevit die Wahlen.
Mit der „nationalistischen Partei des Nationalen Aufbruchs“ (MHP)
unter Devlet Bahceli und der „konservativen Mutterlandspartei“ (ANAP)
unter Ex-Premier Mesut Yilmaz wurde eine Links-Rechts-Koalition gebildet.
Der Ausgang der Parlamentswahlen bestärkt die Kräfte der Militarisierung
der Gesellschaft in der Türkei.
·
Am
15.5.2000 wurde Ahmet Necdet Sezer (Nachfolger von Süleyman Demirel)
Staatspräsident.
·
Offene
Streitfälle existieren zur Zeit über das Schicksal des zum Tode
verurteilten PKK-Chef Öcalan. Die MHP verlangt die Hinrichtung, während
Ecevit aus außenpolitischer Rücksichtsnahme darauf verzichten will.
zurück:
Laizismus
·
Unter
Laizismus versteht man die weltanschauliche Richtung, die die radikale
Trennung von Kirche und Staat fordert.
Laizismus und
Religionspolitik
·
In
der osmanischen Verfassung von 1876 war der Islam die Staatsreligion. Die
Säkularisierung des Staates wurde nach der Gründung der Republik 1923
entscheidend vorangetrieben. Die Reformen signalisierten eine völlige
Abkehr von dem islamisch fundierten Osmanischen Reich und führten zu
einer Adaptation westlicher Normen. Gleichzeitig bildeten die Reformen die
Grundlage für die Entwicklung und Durchsetzung des staatstragenden
Prinzips des Laizismus.
·
In
Europa stellte die Säkularisierung das Ergebnis eines langwierigen
historischen Prozesses dar, an dessen Ende es zu einer Trennung zwischen
Staat und Kirche kam. Das türkische Modell des Laizismus vollzog in
kurzer Zeit durch Reformen die Säkularisierung des Staates und des
Rechtes. Durch die Schaffung eines „Amtes für Religiöse
Angelegenheiten“, das mit der Betreuung und Koordinierung der religiösen
Angelegenheiten betraut wurde, mischte sich der Staat direkt in die
Religionsangelegenheiten ein.
Islam in der
Politik
·
Mit
der Einführung des Mehrparteiensystems im Jahre 1945 gewann der Islam im
Kampf um die Wählerstimmen an Bedeutung, so dass die Republikanische
Volkspartei - die Partei Kemal Atatürks - ihre seit 1924 kompromisslos
betriebene Säkularisierungspolitik zu lockern gezwungen war, z.B.
erfolgte der Gebetsruf vom Minarett wieder auf arabisch anstatt auf türkisch.
·
In
den 50er Jahren wurden vermehrt Moscheen gebaut und religiöse Vorbeter-
und Prediger-Schulen eröffnet. In den 60er Jahren entstanden erstmals
Parteien mit explizit islamischen Zielsetzungen.
·
Infolge
des Militärputsches von 1980 kam es zu einer neuen Gewichtung der
politischen Kräfte. Sowohl das Militär unter General Kenan Evren als
auch der von 1983 bis 1989 als Ministerpräsident amtierende Turgut Özal
gaben der Religion im öffentlichen Leben mehr Raum: Der
Religionsunterricht wurde als obligatorisch in der Verfassung von 1982
verankert, die Zahl der Moscheen und Korankurse stiegen an. So wurde in jüngster
Zeit wiederholt diskutiert, ob die Hagia Sophia, die seit 1934 Museum ist,
wieder in eine Moschee verwandelt werden soll.
·
Der
explizit islamisch ausgerichteten Wohlfahrtspartei (RP) gelang es,
verschiedene islamische oder islamisch geprägte Strömungen als
politische Kraft in einer Partei zu vereinen. Befürchtungen, dass die
Wohlfahrtspartei ihren Einfluss auf die Gesellschaft ausweiten könnte,
traten erst nach der Beteiligung der Partei an der Regierung auf. Die
regimefeindlichen Aussagen der RP-Politiker wurden schließlich zum Anlass
genommen, im Mai 1997 ein Verfahren gegen die Wohlfahrtspartei
einzuleiten, das mit dem Verbot der RP endete. Necmettin Erbakan wurde im
März 2000 zu einem Jahr Haft verurteilt.
Kritik an der
Praxis des Laizismus und Diskussionen über Reformen im Islam
·
Im
Brennpunkt der Kritik steht das Amt für Religiöse Angelegenheiten als
staatliches Instrument einer Religionspolitik, deren Funktion die
Erhaltung und Verbreitung eines gemäßigten, des „offiziellen“ Islam
ist. Die Befürworter einer Abschaffung des Amtes für religiöse
Angelegenheiten argumentieren, dass ein in religiösen Fragen neutraler
Staat kein religiöses Amt betreiben könne. Dieser stehe daher im
Widerspruch zum in der Verfassung verankerten Prinzip des Laizismus.
·
Seit
Jahren wird in der türkischen Öffentlichkeit über die Forderung
islamischer Gruppen nach Einhaltung der Kleidervorschriften im öffentlichen
Leben gestritten. Den Ausgangspunkt dieser Diskussion bildete die
Forderung muslimischer Studentinnen in Istanbul, die Universität
verschleiert betreten zu dürfen. Die seit 1980 nicht mehr autonomen
Universitäten wurden per Verwaltungsverordnung des Hochschulrats
verpflichtet, das Tragen „moderner und anständiger“ Bekleidung
durchzusetzen. Nach lang andauerndem Gerangel wurde 1989 durch die
Modifizierung des Gesetzesparagrafen das Betreten der Universität mit
religiöser Kopfbedeckung offiziell gestattet.
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EU
-Beitritt der Türkei in der Diskussion
Termin oder kein Termin, das ist hier die Frage
Die
europäischen Staats- und Regierungschefs sind sich mittlerweile einig,
zehn neue Mitglieder zum 1. Mai 2004 in die EU aufzunehmen. Weniger
Einigkeit herrscht aber bei der Frage, wie man sich gegenüber der Türkei
verhalten soll. Zwar zählt sie seit Dezember 1999 offiziell zu den
Beitrittskandidaten, doch bislang fanden keine konkreten
Beitrittsverhandlungen statt.
Bevor
die EU Verhandlungen über einen Beitritt aufnimmt, muss jeder Bewerber
die politischen Aspekte der so genannten Kopenhagener Kriterien erfüllen.
D.h. jedes Land, mit dem verhandelt wird, muss von den Mitgliedstaaten
als funktionierende Demokratie und Rechtsstaat angesehen werden, die
Menschenrechte achten und Minderheiten schützen. Gerade die Situation
der Menschenrechte und der zahlreichen nationalen Minderheiten wies in
der Türkei aber deutliche Mängel auf. Vor allem Folter, die
Todesstrafe, die Situation in den Gefängnissen und die Missachtung der
kulturellen Rechte von Minderheiten standen dem Beginn von
Beitrittsverhandlungen im Wege.
Die
Türkei hat wichtige Reformen in Gang gesetzt
In
den vergangenen Jahren hat sich aber einiges zum Positiven verändert.
So verabschiedtete die letzte Regierung zahlreiche Gesetze, die sich an
der EU orientierten und die Menschen-und Minderheitenrechte stärkten.
Der wichtigste Schritt war aber die Verabschiedung eines umfassenden
Gesetzespakets am 3. August, mit dem die alte Regierung die Todesstrafe
abschaffte, kurdische Fernseh- und Radiosendungen und Sprachunterricht
erlaubte (gilt auch für andere muslimische Minderheiten wie die Lasen,
Georgier, Tscherkessen, Araber, Bosniaken etc.), den christlichen und jüdischen
Gemeinden Immobilienbesitz -und erwerb zusprach und die ausländischen
Stiftungen in ihrer rechtlichen Position stärkte. Die Türkei hat
damit, was die rechtlichen Voraussetzungen für den Verhandlungsbeginn
angeht, Tuchfühlung mit der EU aufgenommen.
Auch
die neue Regierung der AKP hat sich zur Umsetzung dieser Gesetze und der
weiteren Annäherung an die EU verpflichtet. Sie unterstrich dies
dadurch, dass der Parteivorsitzende Erdogan in den letzten Tagen alle EU
Hauptstädte - bis auf Wien - besuchte und auch Präsident Sezer mehrere
EU-Mitgliedstaaten bereiste. Unterstützt werden die Politiker erstmals
auch von den religiösen Minderheiten, so besuchte der armenische
Patriarch von Istanbul Brüssel und warb für den Beitritt der Türkei.
Giscard
d'Estaing und das "das Ende der EU"
In
der Debatte um die Türkei und die EU spielen aber noch andere Faktoren
eine wichtige Rolle. Ist die Türkei überhaupt europäisch und kann ein
Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung Mitglied der EU werden?
Vor
allem in den Angriffen des ehemaligen französischen Staatschefs Valery
Giscard d'Estaing, die dann in ähnlicher Form von Roland Koch und
Angela Merkel übernommen wurden, spielt das kulturell-religiöse
Argument die entscheidende Rolle, warum die Türkei niemals Teil der EU
werden sollte. Die EU wird als eine historische Einheit verstanden, die
sich auf der Grundlage einer gemeinsamen Kulturgeschichte und dem
Bekenntnis zur christlichen Religion gegründet habe.
Ohne
jetzt genauer auf diese Argumentationslinie einzugehen, kann man dieser
Position den offiziellen Standpunkt der EU entgegenhalten, nach dem es
sich um einen politischen und ökonomischen Zusammenschluss handelt. Die
EU ist also keineswegs eine kulturelle, historische oder religiöse
Organisation, weshalb es eigentlich auch völlig irrelevant sein sollte,
ob die Bevölkerung der Türkei mehrheitlich muslimisch ist und das
Osmanische Reich über Jahrhunderte europäische Mächte in Angst und
Schrecken versetzt hat.
Wird
in Kopenhagen ein Termin genannt?
In
Kopenhagen wird also nicht mehr diese fundamentale Frage nach dem
"ob überhaupt" zu beantworten sein, sondern ob es die
Verfassungsänderungen und erlassenen Gesetze rechtfertigen, einen
konkreten Termin für Beitrittsverhandlungen festzulegen.
Um
den Demokratisierungsprozess in der Türkei zu unterstützen, wäre es
ein akzeptabler Kompromiss für beide Seiten, den Beginn der
Beitrittsverhandlungen an die Umsetzung bestimmter Gesetze zu koppeln
ohne dabei ein Datum zu nennen. Dies wäre beim Gipfeltreffen in
Kopenhagen leichter durchzusetzen als ein konkretes Datum und würde die
Türkei ermuntern, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten. Auch wäre
es damit immer noch möglich, die Beitrittsverhandlungen unter
griechischer Ratspräsidentschaft in der ersten Hälfte des kommenden
Jahres zu beginnen, was große Symbolwirkung hätte.
http://www.europa-digital.de/aktuell/dossier/tuerkei/kopenh.shtml
zurück:
Türkei und Europa nähern sich an
"Europa,
wir kommen!" - Mit dieser Schlagzeile brachte es eine Tageszeitung
in Istanbul auf den Punkt. Nach einer 22-stündigen Marathonsitzung hat
das türkische Parlament am 2. August ein umfangreiches Reformpaket
verabschiedet, dass der Türkei langfristig den Weg in die Europäische
Union ebnen soll.
Dies
ist insofern etwas besonderes, da politische Reformprozesse in der Regel
äußerst langwierig sind und Reformen nur sehr mühsam vorangetrieben
werden - insofern sie nicht an der verkrusteten Staatsstrukturen
scheitern.
Das
Reformpaket, das vom türkischen Vizepremier Mesut Yilmaz geschnürt
wurde, enthält folgende Kernpunkte:
-
Der
kurdischen Minderheit werden weitreichende kulturelle Freiheiten
eingeräumt, u.a. Fernseh- und Rundfunkprogramme in eigener Sprache
und Kurdisch-Unterricht an Privatschulen unter staatlicher Aufsicht.
-
Die
Todesstrafe wird - mit Ausnahme von Kriegszeiten - abgeschafft.
Bislang verhängte Todesstrafen - darunter gegen PKK-Chef Abdullah
Öcalan - sollen in lebenslange Haftstrafen ohne Begnadigungsmöglichkeit
umgewandelt werden.
-
Die
bisher sehr strengen Bestimmungen zum Versammlungs- und Vereinsrecht
sowie zur Pressefreiheit werden gelockert. Alle türkische Bürger können
ein Gerichtsverfahren wiederaufnehmen, wenn die Urteile durch den
EU-Gerichtshof für Menschenrechte gerügt werden. Außerdem wird
Ausländern nun ein Recht auf Demonstrationen eingeräumt.
-
Regelungen
im Strafgesetzbuch, die bisher hohe Haftstrafen für die Beleidigung
von staatlichen Organen oder Streitkräften vorsahen, werden
abgeschafft.
-
Die
restriktiven Gesetze über die Arbeit von
Nichtregierungsorganisationen sollen grundlegend revidiert werden.
Ausländische Gruppierungen bedürfen künftig keiner
Niederlassungsgenehmigung mehr. Die Stiftungen nicht-moslemischer
Minderheiten - vor allem der Christen und Juden - können zukünftig
freier arbeiten.
-
Menschen-
und Organschmugglern sowie Personen, die Kinderarbeit zulassen,
drohen fortan hohe Strafen.
Eçevit sieht Kriterien für EU-Aufnahme erfüllt
Der
türkische Ministerpräsident Bülent Eçevit sieht mit dem Reformpaket
die Kriterien für eine Aufnahme in die EU erfüllt. "Von jetzt an
wird Türkei freier, demokratischer und europäischer werden",
sagte der Regierungschef. Seiner Ansicht nach entspreche die Türkei mit
den geplanten Reformen den von der EU gestellten Auflagen im Hinblick
auf Menschenrechte und Demokratie. Eçevit erwarte nun eine baldige
Aufnahme in die Europäische Union. "Die Türkei ist allen
politischen Aufnahmebedingungen nachgekommen", so der Ministerpräsident.
Nationalisten
wollen Klage einreichen
Die
Nationalistische Aktionspartei (MHP) - Eçevits Koalitionspartner und
zugleich stärkste Kraft im Parlament - hat sich unterdessen an die
Spitze der Reformgegner gesetzt und geschlossen gegen das Reformpaket
gestimmt. MHP-Vorsitzender Devlet Bahceli will zudem das
Verfassungsgericht anrufen, um die Reformen zu verhindern. Die Beschlüsse
des Parlaments seien unüberlegt und würden das Land spalten, sagte der
Parteivorsitzender in einem Interview mit dem privaten Fernsehsender
NTV. Besorgniserregend ist dabei die Tatsache, dass sich das Gros der
MHP-Wähler aus den ärmsten, ungebildetsten und fremdenfeindlichsten
Bevölkerungsschichten rekrutiert.
Darüber
hinaus hat die nationalistische Partei den bisherigen Meinungsumfragen
zufolge die besten Chancen, bei den vorgezogenen Wahlen in drei Monaten
als eine der stärksten Fraktionen ins Parlament einzuziehen. Ein
westlicher Diplomat in Ankara sagte dazu: "Die Entscheidung, ob die
Türkei tatsächlich den Anschluss an Europa will, ist nicht jetzt im
Parlament gefallen. Sie steht noch aus - entschieden wird am 3.
November."
EU
begrüßt Reformen in der Türkei
Die
Europäische Union hat das Reformpaket hingegen positiv aufgenommen. Für
die Kommission sind die Gesetzesänderungen ein wichtiges Signal dafür,
dass die Mehrheit der türkischen Führung entschlossen sei, sich weiter
an die Werte und Maßstäbe der EU anzunähern. Erweiterungskommissar Günter
Verheugen sagte, die Türkei stehe mit der Abschaffung der Todesstrafe
"von nun an zweifellos auf unserer Seite". Die Beschlüsse des
Parlaments seien eine Bestätigung für die EU-Politik, bei den
Menschenrechten und beim Schutz von Minderheiten Strenge walten zu
lassen. EU-Parlamentspräsident Pat Cox freute sich über die
"bedeutsamen Fortschritte im Rahmen der EU-Kandidatur der Türkei".
Auch die Bundesregierung äußerte sich positiv über das Reformpaket.
Sie sehe sich in ihrem Kurs des offenen Dialogs bestätigt und setze
darauf, dass Ankara "diesen Weg entschlossen fortsetzt".
Die
EU-Kommission will nun einen Bericht über den Stand der Entwicklungen
in den Beitrittsländern ausarbeiten. Ende Dezember soll dann beim
EU-Gipfel in Kopenhagen - zum Ende der dänischen Ratspräsidentschaft -
entschieden werden, welches Land aufgenommen werden kann. Dabei gilt es
als möglich, dass der Türkei dann konkrete Vorschläge angeboten
werden. Immerhin ist das Land am Bosporus der Einzige der 13 Kandidaten,
mit dem noch keine Verhandlungen geführt werden.
http://www.europa-digital.de/aktuell/dossier/tuerkei/reform.shtml
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Eu-Erweiterung
Ja, sie gehören in die EU
Von Michael Thumann
Wieder geht ein Gespenst
um in Europa: ein muslimisches Land, das mit seinem Beitrittsgesuch zur
EU die Identität Europas bedroht. Das Abendland ist in Gefahr, heißt
die furchtbare Botschaft, die Türken stehen vor Brüssel! Die Debatte
um die EU-Erweiterung ist umgeschlagen: von der gefeierten
Wiederverschmelzung der Hälften Europas hin zur verzagten Suche nach
neuen Mauern.
Entscheiden die Staats- und
Regierungschefs der EU in Kopenhagen, der Türkei eine zeitlich feste
Beitrittsperspektive zu geben, werden die Kritiker aufschreien.
Renommierte Historiker, Politiker, Publizisten, die meinen, dass Europas
Grenze vor dem Bosporus, vor dem europäischen Teil der Türkei, enden
solle. Um dies zu begründen, beschwören sie allerlei Gefahren, die längst
europäische Gebrechen sind, auch ohne die Türkei. Es geht den Abendländlern
um die Identität, die Werte, um die Handlungsfähigkeit Europas.
Was ist das, die europäische Identität?
Macht sie sich an der Aufklärung fest, an der Sprache, am
Glaubensbekenntnis? Die Aufklärung hat zum Beispiel auch das
EU-Mitglied Griechenland und die Kandidaten Bulgarien und Rumänien kaum
gestreift. An Sprachen ist die Union fast so reich wie der Kaukasus.
Eint uns der Glaube? Der katholische Spanier hat mit dem
protestantischen Finnen so wenig gemein wie der anglikanische Brite mit
dem orthodoxen Griechen. Dennoch pilgern sie alle zu den hoch
aufragenden Profanbauten von Brüssel und huldigen dieser sehr
weltlichen Union europäischer Staaten. Warum sollten die muslimischen Türken
dies nicht können?
Gräbt man im Geschichtsbuch, so fällt
auf, dass die Türkei zu Europa gehört, anders als Turkmenistan oder
Marokko. Wie selbstverständlich war das Osmanische Reich in das europäische
Mächtegeflecht der Frühen Neuzeit eingebunden. Warum sonst paktierte
der Rex christianissimus, Franz I. von Frankreich, mit dem Sultan gegen
den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation? Glaube
spielte da keine Rolle. Und heute? Niemand käme auf die Idee, den
bosnischen Muslimen ihre europäische Herkunft abzusprechen, nur weil
sie den Ramadan feiern. Sind etwa die 2,5 Millionen türkischstämmigen
Bürger in Deutschland nur Asiaten auf Besuch in Europa? Christentum und
Islam taugen nicht für politische Grenzziehungen. Beide sind Teil der
europäischen Geschichte.
Wer dies anerkennt und die EU für die Türkei
öffnet, tut viel für das verspannte Verhältnis von Deutschen und Türken.
Eine klare EU-Perspektive für Ankara wird das steile Gefälle ebnen,
das heute noch viele Türken nach Deutschland treibt. Beispiele liefern
Spanien und Portugal. Ihre Völker drängt es nicht mehr „nach
Europa“, seitdem sie Mitglieder im Klub sind.
Teilen die Türken die europäischen
Werte? Sicherlich haben türkische Offiziere einige Probleme damit. Aber
nicht mehr als Silvio Berlusconi, der gerade den italienischen
Rechtsstaat nach seinen privaten Bedürfnissen umbaut. Gemessen an der
Begeisterung der Bevölkerung für die europäische Integration, müssten
die Türken schon morgen EU-Bürger werden und die Briten austreten. Die
emphatisch pro-europäische Regierung, welche die Türken gerade gewählt
haben, will die Rechte ihrer Bürger auf EU-Niveau bringen. Was mit der
Abschaffung der Todesstrafe im Sommer begann, soll mit einem Rechtsstaat
nach Brüsseler Gardemaß enden. Die Kurden spüren schon jetzt die
neuen Freiheiten. Warum sollten die Europäer diesen in der muslimischen
Welt beispiellosen Elan mit einem Nein abwürgen? Es wäre eine
historische Torheit.
Wird Europa durch die Türkei handlungsunfähig?
Gegenfrage: Passen „Europa“ und „Handlungsfähigkeit“ in
irgendeinen näheren Zusammenhang? Die EU schlingert in der Irak-Krise
wie eine Jolle im Sturm, sie verzagt vor der gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik, sie versagt vor großen inneren Reformen. Und nun
kommen die Türken und verhunzen, was heute schon so traurig aussieht?
Das Gegenteil ist richtig, nach außen und innen.
Vor einer Außengrenze mit dem Irak und
Iran muss sich die EU nicht fürchten. Oder will sie die Weltpolitik
ganz den Amerikanern überlassen? Dort liegen strategisch wichtige
Gebiete für Europas Versorgung: die riesigen Gasreserven Irans, die
Reichtümer des Kaspischen Meers, die Ölreserven des Iraks. Die Türkei
ist in dieser Region ein mächtiger Spieler, der ein ganzes Geflecht von
Drähten zu den Nachbarländern neu gezogen hat. Mit der Türkei
erhielte die EU-Außenpolitik deutlich mehr Gewicht als heute, da sich
ihre Emissäre schon schwer tun, einen Termin bei Israels Ariel Scharon
zu bekommen.
Weit hergeholt ist die Vermutung, die Türken
würden dereinst Amerikas treuen Knappen geben, wenn die EU nach außen
geschlossen auftreten will. Sicher pflegt das Militär ähnlich gute
Beziehungen nach Washington wie die Briten. Doch türkische Politiker
und Wähler quälen sich mit der Schutzmacht ebenso herum wie die Europäer.
Gegen den Irak zögen die Türken so ungern ins Feld wie die Deutschen.
Nach innen liegen die Dinge komplizierter.
Denn es gibt einen ernsthaften Grund, der heute noch gegen einen
EU-Beitritt Ankaras spricht: die Wirtschaft. Das Pro-Kopf-Einkommen der
Türken beträgt 22 Prozent des EU-Durchschnitts. Damit spielen sie just
in jener Südost-Liga, zu der die Beitrittskandidaten Rumänien und
Bulgarien gehören. Die neue Regierung in Ankara will den Aufstieg in
die Europa-Klasse schaffen. Muss sie auch. Denn 68 Millionen
mehrheitlich arme Türken kann sich die EU noch weniger leisten als 22
Millionen Rumänen.
Doch lauert in der Krise die Chance. Was wäre
besser geeignet als eine herannahende Türkei, die bewegungsscheue EU zu
zwingen, sich selbst zu renovieren? Die Erklärung, dass
Beitrittsverhandlungen ergebnisoffen sind, ist überfällig. Die EU darf
sich nicht länger die Frage verbieten, was mit Ländern geschieht, die
im ersten Anlauf scheitern. Das könnte Rumänien treffen, auch die Türkei.
Schon längst hätte Brüssel seine zahllosen Töpfe ohne Boden
ausmustern müssen. Vor allem bei den Agrar- und Kohäsionsfonds. Warum,
bitte schön, sollte Europas Vielfalt weiter mit vierspurigen Dorfstraßen
in Andalusien zugeteert werden? Zu guter Letzt: Wenn Deutsche und
Franzosen den Einfluss der Türkei in der EU fürchten, hindert sie
nichts daran, als Gleichgesinnte den Fußfaulen voranzulaufen.
Ein Datum für Beitrittsverhandlungen mit
der Türkei würde das überlebte EU-Motto „Weiter so, nur fetter“
platzen lassen. Nicht nur die Türkei, auch die EU würde moderner und
zukunftsfähiger. Startschuss in Kopenhagen.
(c) DIE ZEIT 51/2002
http://www.zeit.de/2002/51/prothumann
zurück:
Die
Türkei aus politischer Sicht
Seit dem
Militarputsch im Jahr 1980 hat die Türkei viele Fortschritte im
demokratischen Sinne gemacht. Kurz nach diesem Erlebnis wurde die
Verfassung ausserkraft gesetzt und der Nationalsicherheitsrat kam an die
Macht als eine beratende Versammlung. Durch Volksabstimmung hat man 1982
eine neue Verfassung, wobei das Parlament als gesetzgebendes Organ 450
Leute einfasst und alle 5 Jahre vom Volk wieder gewählt wird. Der Präsident
wird alle 7 Jahre mit Vollmacht gewählt und versorgt für den
Staatnotstand und das Parlamentlösen. Die politischen Parteien, die
Gewerkschaften und die Presse unterliegen einer präsidentiellen
Kontrolle. Das bürgerliche Recht folgt dem Schweizer und das Strafrecht
ist nach italienischem Vorbild konzipiert. Nach dem türkischen Gesetz des
Terrorismus verdächtigten Personen sind schärferen Bedingungen
unterworfen als andere Kriminelle.
1992-1994
versucht die Türkei zum ersten Mal, sich an die europäische Gemeinschaft
anzuschließen. Auf diesem Grund hat man die ersten Schritte nach einer ökonomisch-fortgeschrittenerer
Richtung. Z.B. wird die erste Frau 1993zu erster Ministerin gewählt.
Ein anderes
Beispiel ist die Entwicklung der Ausbildung und des Alphabetismus im
letzten Jahrhundert. Bei der Proklamierung der Republik 1923 war mehr als
90% der Bevölkerung analphabet. Nach den Reformen der neu entstandenen
Regierung hat man eine kostenlose Schulpflicht eingerichtet. Das hat als
Folge, dass Mitte neunziger Jahre fast 80% des Volks konnte lesen und
schreiben. Übrigens gibt es heute eine große Vielfältigkeit von
Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen im türkischen Schulsystem und der
Eingang zur Universität ist sehr schwierig.
Einige
Schwerpunkte des Nationalprogramms der Türkei für den Eintritt in die EG
sind folgende:
-Privatisierung
-Ablehnung
der Todesstrafe
-Schule,
Radio und Fernsehen auf Kurdisch
Seit Ende
2000 hat die Türkei mehrere ökonomische Schwierigkeiten begangen, daraus
eine Krise im ganzen Bankbereich wegen der starken Korruption und der
Instabilität des selben Banksytems. Aber niemand hat heute den Mut,
freilich über die Korruption zu berichten, die seit Jahren auch die
internationalen Interessen verängstigt.
Die
Inflation bleibt bei 12/10%, obwohl die Autoritäten sich erwarten, bis
zum 4,20% heruntersteigen zu können. Aus diesem Grund werden
Dollars und Euros in der Türkei angenommen und viel Wert auf den Export
und den Turismus gelegt.
1999 bittet
die türkische Republik offiziell um eine Aufnahme in die EG, aber bis
jetzt alle Termine haben nichts gebracht und man hat versucht, das Thema
so viel wie möglich zu scheitern. In der Tat haben die europäischen
Staaten Angst, sich mit einem islamischen Staat konfrontieren zu sollen.
Z.B. Der europäische Rat schweigt bei dem Eintritt der Türkei;
Griechenland bzw. griechische Gemeinschaften haben schon einen festen
Termin für den Beschluss.
Frankreich
sagt es offen: ein solcher Staat in der Gemeinschaft würde viele Probleme
und Konflikte schaffen und man fühlt sich nicht bereit, so ein Mitglied
anzunehmen. Statt des gewünschten Eintritts wird der Türkei empfohlen,
einen Verein- und Mitarbeitpacht/beschluss zu schaffen, wie schon mit
Ukraine abgeschlossen wurde.
zurück:
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